Betrachtung zum Fach Religion
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Brauchen wir heute überhaupt noch das Fach
„Religion“? Hat nicht die Wissenschaft längst die Aufgabe übernommen,
die Welt für uns zu deuten? Ist die Religion nicht schuld an Kriegen
und Zwietracht in der Welt? Haben die Kirchen nicht versagt beim
Holocaust, bei den Hexenverbrennungen, der Inquisition, den
Kreuzzügen...?
Im Rahmen der Schule kommt noch die Wertigkeit der
Fächer hinzu: Naturwissenschaften und Sprachen sind scheinbar
wichtiger, wir müssen ohnehin überlegen, wo wir den Wissensstoff
verkürzen...
In Berlin hat man das Fach Religion abgeschafft, in der globalisierten
Welt brauche man ein Fach, in dem sich Menschen verschiedener
Anschauungen gemeinsam Gedanken über Werte machen. Ist damit der
konfessionelle Religionsunterricht nicht mehr zeitgemäß?
Tatsache ist, dass wir immer wieder seit Beginn der Menschheit über verschiedene Grundfragen stolpern:
Woher kommen wir? - Wohin gehen wir? - Was kommt nach dem Tod? - Warum
gerade ich, wenn mich etwas Unvorhergesehenes trifft? - Wer hält zu
mir, wenn mich die Menschen verlassen? - Was ist der Mensch? - Wie
können wir in Frieden zusammen leben? - Wie gelingt mein Leben?
Das sind die Grundfragen der Philosophie, der Schwester der Religion.
Wenn man sagt, die Wissenschaften beanworteten diese Fragen, dann
verkennt man den Charakter der Wissenschaft: Sie macht Beobachtungen,
interpretiert sie und versucht eine Theorie über den Zusammenhang
aufzustellen, die durch neue Beobachtungen als falsch oder als richtig
sich erweisen muss. Sie kann gar keine endgültigen Antworten haben.
Wenn Wissenschaft dennoch so tut, dann betreibt sie Philosophie und
borgt sich Autorität im Gewande sogenannter „wissenschaftlicher
Erkenntnisse“.
Diese Grundfragen der Menschheit zwingen uns immer wieder nachzudenken
und das geschieht in der Religion. Die Religion bietet einen
Erfahrungsschatz all der Menschen, die schon vor uns mit diesen Fragen
in ihrem Leben gerungen haben. Somit bietet sie uns ein Angebot an
lebbaren Antworten, die wir in unsere Zeit übersetzen müssen, in unser
eigenes Leben übertragen müssen. Eine Antwort auf diese Fragen hat sehr
viel mit dem Gelingen unseres Lebens zu tun, mit dem Glücklichsein in
diesem Leben.
Die Religion geht dabei von einem höheren Wesen aus, das wir gemeinhin
Gott nennen. Damit wollen wir zum Ausdruck bringen, dass es eine
Ordnung gibt, die über diese Welt hinausgeht. Ohne diese Ordnung wären
Naturgesetze gar nicht möglich - und damit auch keine
Naturwissenschaft. Außerdem macht dieser Gedanke deutlich, dass wir
diese Ordnung respektieren sollten, wenn nicht das Chaos ausbrechen
soll. Eine zentrale Rolle in dieser Ordnung spielt der Mensch. Da er
Teil dieser Ordnung ist, ist er dem Zugriff anderer Mitmenschen
entzogen. Die Religion spricht ihm eine besondere Würde zu. Alle
bisherigen Systeme, die dies zu leugnen versucht haben, haben eine
hässliche Blutspur hinterlassen.
Leider sind die christlichen Kirchen der Versuchung der Macht auch
immer wieder erlegen und haben ihre eigene Botschaft der Liebe sehr
verletzt. Aber die Wahrheit ihrer Botschaft hat sie immer auch wieder
zur Umkehr gezwungen und ihnen unmissverständlich vor Augen geführt,
dass der Mensch Sünder und würdevoller Mensch zugleich ist. Moderne
Utopien und Anschauungen verkennen diese Tatsache allzu oft.
Wenn man heute um Werte ringt, ist eine Rückbesinnung auf den Ursprung
unserer westlichen Werte, die nicht zuletzt in den Menschenrechten
ihren Ausdruck finden, sehr wesentlich. Denn moderne Entwicklungen und
Denkweisen stellen auch diese in Frage (Gentechnik, Hirnforschung,
Internet...).
Damit kommt aber der Religion eine besondere Bedeutung zu. Wer aber
auch andere Religionen verstehen und anerkennen will, muss seine
eigene Religion verstanden haben, bis er auch das Bemühen der anderen
verstehen kann. Es gibt keinen anderen Weg zur Toleranz, denn dann kann
ich sehen, dass andere Religionen auch von Sündern getragen werden und
trotzdem sehe ich ihr redliches Bemühen um den rechten Gottesdienst..
Deshalb geht es in dem Schulfach Religion eigentlich immer nicht nur um
die Gegenwart, sondern auch um unsere Zukunft, um die Zukunft der
Menschheit.
