Eine Führung durch das mittelalterliche Nürnberg zu den Schauplätzen von Claudia Friesers Roman

Illustration: Regina Meyer |
Ein Projekt der Klasse 6b mit Frau Fickel |
| Der Roman „Oskar und das Geheimnis der verschwundenen Kinder“ lädt seine Leser ein zu einer Zeitreise ins spätmittelalterliche Nürnberg. Dort wird man nicht nur Zeuge eines skrupellosen Verbrechens und seiner Aufklärung durch Oskar und seinen Freund Albrecht, sondern man lernt auch Nürnberg von einer völlig unbekannten Seite kennen. |
| Stationen der Führung 1. Vor den Toren 2. Die Stadttore 3. Die Lorenzkirche 4. Die Pegnitz 5. Das Heilig-Geist-Spital 6. Die Spitalapotheke 7. Der Haupt- und der Obstmarkt 8. Mittelalterliche Gassen 9. Der Pranger 10. Das Rathaus - Werkstätten der Handwerker und Lochgefängnisse 11. Die Sebalduskirche 12. Die Kasematten 13. Der Siechkobel in St. Johannis 14. Mögeldorf |
1.Vor den TorenNäherte man sich im Mittelalter einer Stadt, so beeindruckte zuerst die hohe, von vielen Türmen unterbrochene Stadtmauer, die die Stadt vom Umland abgrenzte. Nur durch eines der Stadttore konnte man in die Stadt gelangen. An diesen Stellen führte dann eine Zugbrücke über den Trockengraben, der dazu diente, einen feindliche Angriff auf die Stadt zu erschweren. Außerdem gab es auf dem höchsten Punkt vor der Stadt den Galgen, an dem Verbrecher hingerichtet wurden. Er sollte auch die Besucher der Stadt warnen. Vor den Toren der Stadt lagen kleinere Dörfer und einzelne Bauernhöfe. Oskar wird auf dem Weg ins mittelalterliche Nürnberg von dem Bauern Niclas mitgenommen, der seine Erzeugnisse auf dem Obstmarkt in Nürnberg verkaufen will. Unterwegs ist Oskar erstaunt über die so veränderte Umgebung (im 21. Jahrhundert gehört die gesamte Umgebung zum Nürnberger Stadtgebiet), außerdem erschrecken ihn die weithin sichtbaren Galgen.Maximilian Stein, Thomas Wild 2. Die StadttoreIm Mittelalter gab es in Nürnberg fünf Tore, die in die Stadt führten und die aus massivem Holz gebaut waren. Eine Zugbrücke führte zu jedem Tor. Zahlreiche Soldaten, mit Lanzen oder Armbrüsten bewaffnet, bewachten den Hof dahinter. Ein sogenannter Torwärter verlangte Zoll und überprüfte die Anreisenden genau. Am Abend, wenn die Tore fest verschlossen waren, musste der Torwärter aufpassen, dass keiner mehr die Stadt betreten oder verlassen konnte. Bei seiner Anreise fährt Oskar mit Niclas durch das Frauentor. Und auch bei weiteren Gelegenheiten passiert er ein Tor, etwa als er mit Albrecht zusammen zum Siechkobel nach Johannis unterwegs ist, um Pater Benedikt über die Verhaftung Kathrins zu informieren und ihn um Hilfe zu bitten.Magdalena Sperber, Tina Rupprecht 3. Die LorenzkircheIm Mittelalter gab es in Nürnberg eine sehr bedeutende Kirche, die Lorenzkirche. Sie entstand im Jahre 1250 und wurde im Jahre 1525 evangelisch-lutherisch. Im Jahre 1945 wurde die Lorenzkirche bei einem Luftangriff auf Nürnberg zerstört. Nur sieben Jahre später, also im Jahre 1952, wurde sie wieder aufgebaut. In der Lorenzkirche gab es schon sehr früh wertvolle Gegenstände, die von reichen Patrizierfamilien gespendet wurden. Beispiele dafür sind die elf Altäre, sechs glanzvolle Fenster und die Kirchenengel. Vor der Kirche dagegen herrschte große Armut, dort saßen viele bettelnde Kinder, die meisten von ihnen waren sehr krank. Oskar ist erstaunt, dass die Kirche im Mittelalter größer wirkt als im 21. Jahrhundert. Er erkennt, dass dies an den kleineren umliegenden Häusern liegt. Die bettelnden Kinder vor der Lorenzkirche erschrecken Oskar. Er ist es nicht gewöhnt. Ihm fällt auf, dass die Reichen die Bettler ignorieren und trotz ihres eigenen Reichtums nichts spenden. Oskar stellt seinem Freund viele Fragen, doch Albrecht hört nicht zu, denn für ihn ist dieser Anblick alltäglich. 4. Die PegnitzDie Pegnitz ist ein Fluss, der durch Hersbruck so wie Nürnberg (und viele weitere Orte) fließt. Es führen viele Brücken über die Pegnitz, damit es möglich ist, die andere Seite des Flusses zu erreichen. In Nürnberg liegt an der Pegnitz das Heilig-Geist-Spital. Außerdem befanden sich entlang der Pegnitz Handwerksbetriebe und Mühlen. Früher wurde die Wäsche in der Pegnitz gewaschen. Die Pegnitz wurde auch als Abwasserkanal genutzt. Manche an der Pegnitz gelegenen Häuser hatten Erker direkt über dem Fluss. Oskar hält diese Erker zunächst für Aussichtstürme, bis er erfährt, dass sich darin Toiletten befanden. Oskar geht oft an der Pegnitz vorbei. Er findet den Geruch des Flusses unbeschreiblich. Der Spitalmeister benutzt die Pegnitz als Fluchtweg. 5. Das Heilig-Geist-SpitalDas Heilig-Geist-Spital wurde über den Fluss der Pegnitz gebaut und ist mit einer Brücke verbunden. Früher war es gegenüber von einem Kloster, in dem dieMönche, Franziskaner, immer barfuß liefen. Deshalb hieß die Brücke am Kloster damals „Barfüßer – Brücke“(heute Museumsbrücke). Das Heilig-Geist-Spital wurde 1332-1339 als Stiftung des reichen Patriziers Konrad Groß (Reichschultheiß) für Alte und Bedürftige errichtet und gilt als die umfangreichste Stiftung einer Einzelperson im Reich vor 1500. Das Heilig-Geist-Spital war früher und ist noch heute aus Sandstein gebaut, aber erlitt auch schwere Brände. Oskar kam bei seiner Zeitreise ins mittelalterliche Nürnberg abends nicht mehr rechtzeitig durch die Stadttore und deshalb musste er auf der Straße übernachten. Dort wurde er überfallen und ausgeraubt und erlitt einen Schlag auf den Kopf. Als er aus der Ohnmacht aufwachte, war er in einem großen Raum des Heilig-Geist-Spitals. Sein Bett stand neben vielen anderen Betten und man konnte das Stöhnen, Wimmern und Jammern der anderen Kranken und Verletzten hören. Früher hatte es also als Krankenhaus gedient. Heute wird es als Altersheim und Gasthaus genutzt. 6. Die Spitalapotheke in NürnbergAn dieser Stelle befand sich schon im Mittelalter die Spitalapotheke. Sie grenzt an das Heilig- Geist- Spital an und gehört zum Spital dazu. Die Spitalapotheke ist eine der wichtigsten Apotheken in Nürnberg. Viele Leute kommen dorthin und holen Medikamente ab. In unserer Geschichte leitet Kathrin Landauer die Apotheke. Sie ist eine gütige Frau und behandelt arme Leute auch manchmal umsonst. Sie behandelt auch die Patienten im Spital. Die Apotheke sieht so aus: Sie hat einen Dachboden, auf dem Kathrin Kräuter und Gewürze aufbewahrt. Im ersten Stock wohnt sie, und im Erdgeschoss sind Speiseraum, Küche und Verkaufsraum. Auch Oskar spielt in der Apotheke eine Rolle. Kathrin nimmt Oskar als Gehilfen bei sich auf, und er wohnt eine Weile bei ihr. 7. Der Haupt- und der ObstmarktDer Haupt- und der Obstmarkt befinden sich in der Sebalder Altstadt. Der Obstmarkt liegt zwischen der Bischof - Meiser - Straße und der Theresienstraße. Nach der Zerstörung des Judenviertels 1349 wurde neben dem Hauptmarkt nördlich der heutigen Obstgasse ein zweiter rechteckiger Marktplatz angelegt, der nach den hier hauptsächlich feilgebotenen, frischen und getrockneten Früchten Obstmarkt genannt wurde und diese Bezeichnung bis heute behalten hat. Zwischen der Frauenkirche und der Obstgasse fand der Weintraubenmarkt statt. Das Südende des Obstmarktes war dagegen dem Mehlmarkt, Heringsmarkt und Gänsemarkt (ehemaliger Standort des Gänsemännchenbrunnens) vorbehalten. Oskar wurde vom Bauern Niclas, der ihn mit seinem Fuhrwerk in die Stadt brachte, auf dem Obstmarkt abgesetzt. Der Bauer selbst verkaufte seine Ware dort. Zur vierten Stunde hätte Oskar wieder am Obstmarkt von Niclas mitgenommen werden können, doch er schaffte es nicht zu dieser Uhrzeit ... Auch auf dem Hauptmarkt trifft Oskar auf viele Verkaufsstände, auf der einen Seite werden Obst, Gemüse, Getreide, Eier und Milchprodukte angeboten, daneben Fleisch, außerdem gibt es lebende Tiere zu kaufen und Handwerker bieten ihre Produkte an. Die Fleischpastete, die Oskar an einer Imbissbude kauft, schmeckt für Oskars Empfinden widerlich, weil sie mit Honig gesüßt ist. 8. Mittelalterliche Straßen und GassenDie Lage der heutigen Straßen und Gassen entspricht weitgehend der des Mittelalters. Sie waren damals meistens mit Kopfsteinpflaster gepflastert und hatten viele Schlaglöcher. Weil die Leute ihre Nachttöpfe einfach aus dem Fenster leerten und Schweine frei herumliefen, waren die Straßen sehr dreckig. Der Morast stand teilweise knöchelhoch. Die Gassen waren ziemlich eng und oft voller Menschen. Früher waren die Straßen aufgeteilt: In manchen lebten arme und in anderen wiederum reiche Leute. Handwerker von einer Zunft lebten gemeinsam in einer Gasse, wovon heute noch viele Straßennamen zeugen: Krämergasse, Weißgerbergasse. Ab 18 Uhr waren die Straßen und Gassen sehr leer und still, denn es trieben sich nur wenige Gestalten herum und gingen ihren nächtlichen Geschäften nach. Auch Bettler konnte man dort sehen, die ihr Nachtlager auf der Straße aufgebaut hatten. Es war abends auch sehr dunkel und gefährlich, denn es gab keine Straßenbeleuchtung und Diebe waren unterwegs. Im Buch wunderte sich Oskar über das Aussehen der Straßen, da er es so nicht von seiner Zeit kannte und wird dort an seinem ersten Abend im mittelalterlichen Nürnberg von Räubern brutal zusammengeschlagen. 9. Der PrangerDer Pranger stand in Nürnberg vor dem Rathaus im Osten. Bei Straftaten musste man (unterschiedlich lange) am Pranger stehen. Die Menschen konnten einen mit Steinen oder Abfall bewerfen. Man wurde festgebunden, so dass man sich nicht wehren konnte. Mache überlebten, andere aber auch nicht. Bei schwereren Straftaten kam man nicht an den Pranger, sondern wurde (je nach Verbrechen) auch erhängt, am Scheiterhaufen verbrannt, usw. Im Oskar- Buch wurde der Pranger mehrmals erwähnt: Oskar sah mit Albrecht auf einem erhöhten Podest eine Frau, die eine Straftat begangen hatte, mit einer riesigen Eisenschelle um den Hals, sie hatte die Hände auf den Rücken gebunden, dass sie sich nicht wehren konnte. Als Oskar sah, dass die Frau mit Dreck beworfen wurde, war er entsetzt. 10. Das Rathaus: Werkstätten der Handwerker und LochgefängnisseWenige Meter vom Hauptmarkt entfernt steht das 1340 vollendete gotische Rathaus. Darunter befinden sich die Lochgefängnisse. Diese waren 1332 vom Kloster Heilbronn als „Brothaus“ erworben und Mitte des 14. Jahrhunderts zu den Lochgefängnissen ausgebaut worden. Da es im Mittelalter nicht erlaubt war, einen Menschen ohne Beweise oder Geständnis zu verurteilen, wurden sie, wenn man von ihrer Schuld überzeugt war, in den Lochgefängnissen bis zum Geständnis gefoltert. Die Gefangenen mussten Tag und Nacht in zwei mal zwei Meter großen kalten und feuchten Zellen angebunden in völliger Dunkelheit verbringen. Das Gefängnis ist auch mit einer Folterkammer, der so genannten Kapelle, ausgestattet. Auch Oskar kam bei seiner Zeitreise indirekt damit in Berührung, denn die Baderin Katrin, die ihn aufgenommen hatte, musste in das Lochgefängnis, weil sie wegen Hexerei angeklagt worden war. 11. Die SebalduskircheDie Sebalduskirche befindet sich westlich des Rathauses. Sie wurde zwischen 1225 und 1273 erbaut. Die Orgel hat 6000 Pfeifen, und viele Kunstwerke sind in der Kirche. Im Mittelalter war vor der Sebalduskirche viel los, Menschen aus der ganzen Stadt kamen zur Messe. Oskar sah, dass vor der Kirche einige Ablasshändler ihr Geschäft machten. In der Kirche war es sehr voll, die Menschen standen in Gruppen zusammen und warteten darauf, dass der Priester die Messe las. Einige sehr Gläubige knieten in Gebetshaltung vor dem Hauptaltar. Patrizier und ihre Familien hatten sich vor den von ihnen gestifteten Seitenaltären eingefunden, um so ihren Reichtum zu demonstrieren. Um das Grab des Heiligen Sebaldus drängten sich viele Pilger. Die Messen wurden auf Lateinisch gehalten, kaum jemand verstand, was die Priester lasen. Deshalb wurde es nur unwesentlich leiser, als die Messe begann. 12. Die KasemattenIm Buch wird von Felsengängen gesprochen, aber in Wirklichkeit sind es die Kassematten. Sie liegen überall im unterirdischen Nürnberg verteilt. Die Kasematten dienten zur Wasserversorgung. Man kann sie mit unseren heutigen Wasserleitungen vergleichen, aber die Kasematten endeten meist in Brunnen. Das Wasser wurde entweder von einer Quelle oder durch den Sandstein gefiltert gewonnen und durch die Kasematten in die Stadt gebracht. Sie waren sehr eng und ein Erwachsener konnte gerade noch aufrecht gehen. Im Buch folgten Oskar und Albrecht zwei Gestalten, die ein neugeborenes Baby aus dem Heilig-Geist- Spital entführen, und kommen so in die Kasematten. 13. Der SiechkobelDer Siechkobel ist ein Ort, an dem tot- bzw. leprakranke Menschen wie in Quarantäne außerhalb der Stadtmauern leben. Die Menschen (Bürger) verabscheuen diesen Ort aus Angst, angesteckt zu werden.Er liegt außerhalb der Stadt in St. Johannis. Als Oskar mit Albrecht zusammen den ersten Leprakranken begegnet, hat er Mitleid mit den armen Seelen, die Albrecht mit Steinen bewirft. Sie sind in Tücher eingehüllt sind und müssen mit lärmenden Glocken an den Beinen laufen. Er fühlte sich aber auch ein bisschen geekelt. Benjamin Peter, Sebastian Schmidt 14. MögeldorfIm 14.Jahrhundert war Mögeldorf ein kleiner Vorort Nürnbergs, der an den Ufern der Pegnitz errichtet worden war. Dort war es sehr beschaulich. Von einer Mauer umgeben stand auf einem Hügel die Pfarrkirche. Gegenüber der Kirche lag das Schloss der Familie Tetzel. Viele kleine Bauernhäuser, vor denen sich Kräuterbeete befanden, waren schlicht hingebaut. Oskar geht in der Geschichte zusammen mit Kathrin nach Mögeldorf, um der Amme, die den angeblich verstorbenen Patriziersohn in Pflege hatte, ein paar Fragen zu stellen. |

Zeichnung: Oliver Kirsch
