Gedichte (K12)

Vater

Vollende es, fremder Herr,

Dein schändliches Werk

Und schenke restlos,

Dem letzten Gnadenstoß gleich,

Mir Dunkelheit und Finsternis.

Die zärtlichste Natur,

Versperrt, erdrücket,

Dem Mächtigen gefallend, hinter

Schweigend Mauern

Bis dass endlich

Ein Stein von Herz nur bleibe.

Nie erfuhr ich anderes,

Als deine bittre Lehre, Herr!

Der Gestärkte weidet

An Kindertränen

Und an Ängsten

Seiner Sklaven sich,

Verlacht den Armen,

Den Guten und Treuen,

Den flehenden Toren.

Wo Kinderhände

Wohl nach Liebe strebend

Dem Vater sich hin strecken,

Gebietet der Gesuchte stumm

Mit harter Hand und hartem Herzen,

Boshaftigkeit,

Und Grauen mit in den Schoß gelegt.

Wo war sie,

Deine haltend Hand?

Wer zog mich liebend an die Brust?

Öffnetest du,

Der du Vater dich nennest, mein Aug,

Zu sehen, welch Pracht,

Welch Wärme die Sonne,

Welch Blüten das Leben

Uns jung und lächelnd beschenkt?

Ich dich hassen? Oh nein!

Ach, in meiner Seele wohnet

Was du nie erfahren

Und das Ewige und Schöne

Gab mir dir Natur allein.

Oh, die zarte Seele blutet,

Und ferner Tage dunkle Schleier legen,

Wie grauer Nebel sich,

Über das ewig brennend Herz,

Nun endet meine Qual!

Marie Feist K12

Lieschen Müller

 

Bedecket eure Münder, ihr,

ohn’ Scham -

wenngleich auch ohne Niedertracht -

des Bürgers Ohr befleckt!

 

Müsst nicht leugnen,

müsst nicht schrei’n!

Der arme Tor,

der euch schenkte sein Gehör,

nun ist betrogen und belogen,

weil er vernahm und auch geglaubt,

was ihr uns trüglich habt versprochen!

 

Mit Anzug, Gläser und Krawatt’

Verhöhnt uns dann und wann

Der Tag des Bundes

Mit Beschlüssen und Reformen

Zu des einfach’ Mannes Leid

Und der Unbedürft’gen Freud.

 

Habt ihr je gesorgt um unser

täglich Wohl?

Je gefragt nach unser ständig

Last?

 

Ordnung hat zu sein – dies sei ohne Frage –,

doch Ordnung mit System

wär’ uns ganz recht.

Wollt uns regier’n,

wollt unser Bestes,

so verlautet stets an uns

die Botschaft.

 

Wende man das Blatt, so sei

Euch einzuräumen,

wir sind der Verantwortung

nicht ganz entzogen;

Wir erkoren aus euch uns zu führen;

Warum nicht?

Die Melodei der Alster hat

Verzaubert, hat verzückt.

 

Eloquent, charmant und ehrlich;

so sollt’ es sein,

das Ideal,

doch wo

find ich es,

und wem

wohnt es inne?

Roman Biegel, K12

Streitgespräch zwischen Mutter und Tochter

(5 hebiger Jambus, in gehobener Sprache)

T= Tochter, M= Mutter

M: Ein köstlich Frühstück gilt es zu bereiten

T: Kannst du mir einen Vorschlag unterbreiten?

M: Mir dünkt am feinsten mundet dunkles Brot.

T: Was, dunkles Brot ist voll von groben Schrot!

Mit groben Schrot da hab ich meine Not:

Gerät mir die Verdauung aus dem Lot!

M: Willst du zur Stärkung erst ein Spiegelei,

Gereicht mit Brot und Zwiebeln noch dabei?

T: Die Eier, freilich, sind mir einerlei,

Doch hörst du schlecht, ich sagte dir es sei

Ein Brot mir heute ganz und gar nicht recht! –

M: Verzeih- und wenn ich Schinkenröllchen brächt?

T: Die sind doch schon 3 Tage alt und schlecht!

Ich sehe nun, du wirst mir nicht gerecht!!

Nikola Steger K12