Gedichte (K13)

Ich bin ein Wellenreiter

 

Ich reite auf dem Ozean der Wellen.

Ich bin ein Wellenreiter.

Meine Welle ist mein Leben.

Sie ist, also bin ich.

Warum, ich weiß es nicht.

Woher, wohin, ich seh es nicht.

Licht ist nur, wo meine Welle den Ozean durchpflügt.

Wenn ich zurückblicke, sehe ich eine fahrige Furche, gesäumt von Lichtpunkten.

Doch ich blicke nicht oft zurück.

Ich bin ein Wellenreiter.

Mein Blick ist nach vorne gerichtet.

Ich darf die Kontrolle nicht verlieren.

Muss immer Gleichgewicht halten.

Es ist nicht leicht.

Doch ich habe es gelernt.

Seit Lichtjahren.

Und lerne noch.

Wind und Wasser sind unberechenbare Kräfte.

Sie bringen meiner Welle Höhen und Tiefen.

Mal bin ich König, mal bin ich Sklave.

Hoch oben kann mir nichts das Wasser reichen.

Tief drunten habe ich Mühe, auf dem Brett zu bleiben.

Doch ich muss.

Ich war schon immer, ich bin ein Wellenreiter.

Die dunklen Tiefen des Ozeans machen mir Angst.

Manchmal denke ich mir einfach, dass es sie nicht gibt.

Aber ich spüre sie unter meinen Füßen, meinem Brett.

Meine Welle baut darauf.

Sie ist eine Leihgabe.

Das weiß ich, glaube ich, ohne zu sehen.

Doch irgendwann wird sie nicht mehr sein.

Verschluckt vom tiefen Ozean, so als ob sie nie gewesen wäre.

Was soll dann aus mir werden?

Ich bin ein Wellenreiter.

Meine Welle ist mein Leben.

Laura Sperber (K13)

 


Fingerspitzengefühl

    

Lange Zeit von der gleichen Welle getragen

auf der gleichen Länge geschwommen

Hand in Hand

uns gegenseitig hochgezogen

manchmal ein bisschen Sand geschluckt

Arm in Arm

gleich wieder ausgespuckt.

 

Vorbei rauscht die Zeit

hinterlässt dunkle Strömungen

reißen unsere kleine Welle mit sich weg

Wellenbrecher –

vergrößert handfeste Längendifferenzen.

 

Über kurz oder lang

treib ich weiter allein

mit leerer Hand vollem Herzen

Salzspuren im Auge

Sandjucken im Hals

Richtung Fingerspitzengefühl

 

Laura Sperber (K13)

 


Cave diem

 

Ein Tag ist wie ein zartes Gänseblümchen

Auf einer endlos weißen Wiese:

Geduldig wartend in reinem Kleid,

Sehnt es sich nach Sonne, Mohn und Wärme.

Doch nur wenige Sonnenstrahlen lang

Blinzelt es seine Unschuld -

Denn schon packe ich es mit meiner Pranke,

Entreiße es aus dem Schoß von Mutter Erde,

Rupfe ihm einzeln die Liebe vom Haupt,

Sauge ihm schwarze Milch aus den Gliedern,

Zerstückele den leblosen Leichnam,

Werfe ihn auf den Sondermüll ...

Um am Ende voller Leere in mich zusammenzusacken.

Keine Sorge: Morgen ist ein neuer Tag.

Laura Sperber (K13)

 


Scherben.

 

Kleine Welt

Bist zu groß für mich

Kann dich nicht tragen

Kann dich nicht halten

Kann dich nicht fassen

 

Scherben.

Von der Größe genau richtig.

 

Laura Sperber (K13)

 


Frühling

   

Dort,

drüben am Waldrand

hängt die Erlösung  – an einem Strick

schaukelt

               vielleicht

wie ein Kind im Wind

wenn ihm das Herz vom Leben

nicht zu schwer geworden

   

Dort,

drüben am Waldrand

sprießen die Knospen – am dunklen Gebüsch

würden

              vielleicht

zu den schönsten Blumen

wenn ihm der Frühlingssturm

nicht seine Seele zerstoben

   

Dort,

drüben am Waldrand

Beginn neuer Hoffnung?

             seht genau hin

wie in den Körper

das Leben

sein Zeichen brannte

   

Markus Huttner (K13)